Diagnosen Beitrag von Dipl. Psychologin Katrin Buchs

Diagnosen – Ja, aber…

Immer wieder wird die Frage nach der Sinnhaftigkeit oder Notwendigkeit von Diagnosen bei psychischen Symptomen gestellt. Ich selbst stehe dem Thema sehr ambivalent gegenüber.

Auf der einen Seite scheinen sie mir sinnvoll bis unerlässlich, um in unserem bestehenden Gesundheitssystem die passende Unterstützung zu erhalten und Therapeut*innen Ansatzpunkte zu bieten.

Diagnosen können außerdem für einzelne Personen unterstützend und entlastend wirken („es ist nicht meine Schuld“, „endlich weiß ich, woran das alles liegt“, „wenn ich weiß, was es ist, kann ich etwas dagegen tun“, „so kann ich meinem Umfeld viel besser erklären, was mit mir los ist“…).

Manchmal ist eine Diagnose auch hilfreich, um erst einmal anzuerkennen, wo man gerade steht und dass eben nicht „alles in bester Ordnung“ ist.

Gleichzeitig finde ich (die Fixierung auf) Diagnosen auch problematisch:

  1. Sich als krank zu bezeichnen und zu begreifen, kann Heilung und Entwicklung entgegen stehen, indem es eine Problem-Fokussierung fördert und das Gefühl hervorrufen oder verstärken kann, ein Opfer der Umstände zu sein („ich bin krank, also kann ich nichts dafür, dass ich so bin“). Nach meiner Erfahrung ist es hilfreicher, die Mittel und Wege zu erkunden, wie jede*r selbst Einfluss nehmen kann und damit das Erleben zu fördern, sich nicht hilflos ausgeliefert zu fühlen.
  2. Dazu gehört auch der Aspekt, dass Menschen dazu neigen, sich mit ihrer Erkrankung/ihren Gefühlen/ihren Gedanken zu identifizieren – „Ich bin depressiv“ „Ich bin Alkoholiker“ … usw. Dies schränkt die Sichtweise stark ein und man verliert aus den Augen, dass es noch so viel mehr andere Dinge gibt, die einen jeden Menschen ausmachen!
  3. Da die Begriffe „psychische Krankheit“ oder auch „psychische Störung“ in unserer Gesellschaft sehr negativ besetzt sind, geht mit einer Diagnose oft auch eine Abwertung durch sich selbst in den eigenen Gedanken einher („ich bin schwach“, „ich sollte anders sein“, „ich bin gestört“) und andererseits auch durch Reaktionen aus dem Umfeld – gesellschaftliche Stigmatisierungen sind leider immer noch nicht auszuschließen. Beides trägt erfahrungsgemäß eher zu Verschlimmerung oder Chronifizierung bei, als zu Gesundung.
  4. Diagnosen sind letztlich (nur) Begrifflichkeiten, um Beobachtungen und Wahrnehmungen zu kategorisieren. Die verschiedenen Diagnose-Systeme für psychische Erkrankungen (Bsp. ICD-10 und DSM-V) unterscheiden sich dabei zum Teil deutlich in ihren Kriterien und es gibt dafür wiederum verschiedene Mess-Instrumente. Wo ist also die „Krankheit“ einzuordnen?
  5. Eine Diagnose als Zusammenfassung von Symptomen kann zudem den Blick versperren auf die Ursachen der Beschwerden sowie die eigenen Ressourcen und Potenziale zur Heilung.

 

Ich habe selbst lange im Bereich Diagnostik und Begutachtung gearbeitet und eine Erkenntnis, die bei mir stark hängen geblieben ist: Auch Menschen mit exakt den gleichen Diagnosen haben ganz unterschiedliche Schwierigkeiten und Ressourcen und leiden auch sehr unterschiedlich darunter.

Natürlich gibt es auch Ähnlichkeiten und Verhaltensmuster, die sich immer wieder zeigen. Dennoch ist jeder Mensch einzigartig in seiner Problemlage und in seinen Lösungswegen.

Insgesamt sehe ich daher Symptome und Beschwerden eher als Hinweise und Signalgeber, dass es an der Zeit ist, sich bestimmten Themen zu stellen, wieder in Fluss zu bringen, was blockiert ist und die Lebendigkeit (im Sinne von spontaner kreativer Anpassung an die Herausforderungen des Lebens) wieder zu ermöglichen.